Untertitel: Zur Geschichte des Bibeltextes.

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Ein reißerischer Titel der im Vortragsprogramm der Wissenschaftslounge beim Wissenschaftssommer auf dem Programm stand, der aber seine Wirkung nicht verfehlte. Ca. 20 Zuhörer hatten sich eingefunden, um Prof. Dr. Kraus von der Fakultät für Evangelische Theologie der Universität des Saarlandes bei seiner Beweisführung zu lauschen. Der Titel hätte auch lauten können: „Hatte Jesus nur einen einfachen haploiden Chromosomensatz“?.

Gleich zu Anfang bekamen die Zuhörer Kopien von Bibeltexten in die Hand gedrückt, damit sie das Gesagte mitlesen und nachverfolgen konnten.

Jeder Fremdsprachen kundige Mensch, der sich schon einmal mit Übersetzungen befasst hat, weiß, dass Übersetzungen in den seltensten Fällen 1:1 gelingen. Je nachdem ob der Übersetzer Muttersprachler ist oder nicht und ob er sich bei seiner Übersetzung eher an der Ausgangssprache oder an der Zielsprache orientiert, können Texte differieren. Wichtig ist, dass der Sinn wiedergegeben wird.

Bei der Übersetzung der Bibel vom hebräischen ins griechische wurde bei Jesaja der Begriff Alma (junge Frau) mit Jungfrau übersetzt. Dem Sinn nach und zu dieser Zeit konnte man dies wohl als richtig ansehen. Wäre jedoch Jungfrau gemeint gewesen, hätte im Ursprungstext Betula (Jungfrau) gestanden.

Matthäus zitiert in 1; 22 Jesaja 7;14 „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Zudem waren Jungfrauen-Geburten zu diesen Zeit noch in anderen Kontexten bezeugt: So soll Alexander der Große von einer Jungfrau geboren worden sein, ebenso wie die ägyptischen Pharaonen und die Kinder der Erzmütter Sarah, Lea und Rebecca.

Die Jungfrauengeburt sollte die Besonderheit der Person betonen. Primär geht es nicht um biologische Tatsachen sondern um die besondere Beziehung zu Gott.

Spannend auch die Herleitung ab welchem Zeitpunkt Jesus in den verschiedenen Evangelien und bei Paulus als Sohn Gottes betrachtet wird:

Paulus (geschrieben ca. 55 n Chr)

1;3 das Evangelium von seinem Sohn, der nach dem Fleisch aus dem Samen Davids stammt, 4 nach dem Geist der Heiligkeit aber eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht, seit der Auferstehung von den Toten

Markus (geschrieben ca. 70n Chr)

1;9 Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. 10 Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. 11 Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Matthäus (geschrieben ca. 80 n Chr)

20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

An dieser Stelle wies uns der Vortragende darauf hin, dass entgegen der Prophezeiung Jesus nicht der Name Immanuel gegeben wurde.

Johannes (geschrieben ca. 100 n Chr)

1;9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Bei Paulus wird Jesus also zum Sohn Gottes im Moment der Auferstehung, bei Markus in der Taufe, bei Matthäus bei der Zeugung und bei Johannes jenseits allen irdischen Daseins.

Die Jungfrauengeburt ist  laut unserem Vortragenden ein Bild, das geschaffen wurde etwas über die Theologie auszusagen und nicht über die Biologie. In Jesus handelt Gott selbst. Insofern ist die Jungfrauengeburt ein Mittel um diese besondere Beziehung zu Gott zum Ausdruck zu bringen.

Prof. Kraus endet seinen Vortrag damit, dass er bekennt dennoch kein Problem zu haben im Glaubensbekenntnis zu beten: geboren von der Jungfrau Maria.

Ich hoffe, ich habe den Vortrag sachlich richtig wiedergegeben. Ich fand diese Herangehensweise unglaublich spannend.

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