Im Februar haben wir für unsere Kunden einen Informationsabend durchgeführt. Für Schaf-, Ziegen- und Pferdehalter referierte Claudia Behnisch-Hartz, Veterinär und Tierschutzbeauftragte im Umweltministerium des Saarlandes zum Thema „Giftpflanzen auf Weiden und Koppeln“.

Es war ein sehr lehrreicher Abend, an dem auch auf eine Giftpflanze hingewiesen wurde, die seit gestern durch alle Medien geht: Das gemeine Greiskraut oder auch Jakobskreuzkraut.

Diese Pflanze vermehrt sich zurzeit stark auf Weiden und Koppeln. Tiere haben allgemein einen 7. Sinn und fressen sie nicht. Problematisch wird es allerdings wenn Heu gemacht wird und die Giftpflanzen vorher nicht entfernt wurden. Im Heu getarnt können die Tiere das Gift nicht mehr vermeiden.

Jakobs Kreuzkraut

Jetzt ist dieses Greiskraut nicht nur in der Tierernährung zu einem Problem geworden, sondern auch in der menschlichen Ernährung. In einem Plus Markt entdeckte ein Kunde in Rucola Blättern die sehr giftigen Blätter des Greiskrautes, handelte direkt, in dem er alle vorhandenen Packungen aufkaufte und zu einem Untersuchungslabor schickte. Die Firma Plus hat auch umgehend reagiert und die Salatmischung aus dem Angebot geholt.

Das darüber berichtet und aufgeklärt werden muss, ist selbstverständlich. Die Öffentlichkeit muss darüber informiert werden, was passiert ist und worauf sie in Zukunft achten sollte. Was mir in diesem Fall leider nicht zum 1. Mal aufgefallen ist, ist die Art und Weise wie berichtet wird.

Gemeint ist in diesem Fall ein Online Artikel des Focus: Reißerische Headline:

„Nahrungsmittelskandal

Giftpflanze statt Rucola im Salat“

Jetzt fehlt mir leider absolut das Verständnis wo hier der Skandal ist. Hat ein Lieferant wider besseres Wissen die Giftpflanzen nicht aussortiert? Sollte etwas vertuscht werden? Wurde manipuliert? Für mich findet sich im gesamten weiteren Artikel kein Hinweis darauf, dass es sich hierbei auch nur im Ansatz um einen Skandal handelt.

Weiter heißt es im Text: „Ruccola vom Discounter kann mit optisch ganz ähnlichen Blättern versetzt sein“. Also für mich ist versetzen etwas aktives. Da setzt jemand etwas zu. In Wirklichkeit wurden die Pflanzen geerntet und es war (so wie es aussieht) nicht bekannt, dass auf dem gleichen Acker Greiskraut wuchs.

Nach diesem Artikel wird aus dem Rucola Salat dann am nächsten Tag „Giftsalat“. Das hat für mich dann schon eindeutig Bildzeitungsniveau.

Nochmal: Ich möchte den Fund nicht runter spielen. Das Ganze ist ein Riesenproblem, Greiskraut ist gefährlich, es besteht dringender Handlungsbedarf, die Öffentlichkeit muss selbstverständlich informiert werden und die nötigen Schritte müssen eingeleitet werden. Aber muss man das Ganze Skandal nennen? Kann man die Dinge nicht mehr bei den richtigen Namen nennen? Muss alles skandalisiert werden?

Dass man über das Ganze auch unaufgeregt und sachlich berichten kann zeigt die Süddeutsche. Und auch dem Podcast und dem Artikel von SWR Contra: Umwelt und Ernährung gelingt es spielend ohne reißerische Vokabeln zu informieren.

Gute vergleichende Fotos und Informationen findet man in einem Artikel auf dem Newsportal von proplanta: „Giftiges Kreuzkraut in Rucola verunsichert Verbraucher“

Wie singt doch Prof Higgins so schön in My Fair Lady: „Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht“

Guter Buchtipp: Die Mechanismen der Skandalierung

In agrarheute.com habe ich im Nachgang zu diesem Blogpost den Artikel gefunden: Ganze Gesellschaft verantwortlich für Lebensmittelsicherheit. Davon kann ich jede Aussage unterschreiben. Zitat aus der Rede von US-Forscher William Hueston:

 „Bauern, Verarbeiter, Handel und Detailhändler würden sich alle darum bemühen, möglichst gesunde, sichere Lebensmittel anzubieten, aber garantieren könne das niemand. Bei der Lebensmittelversorgung handle es sich um eine Verantwortung, die alle gemeinsam tragen müssen, vom Bauern bis zum Konsumenten. Zentral sei dabei, den Konsumenten immer wieder neu aufzuzeigen, dass sie mitverantwortlich sind und eine wichtige Rolle dabei spielen“

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